Tiguar
Commodore
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Original erstellt von Jujjine
Wenn du mal logisch drüber nachgedacht hättest, hättest du gemerckt, dass die Kriegsschuld-Klausel im Versailer-Vertrag ein Vorwand war um Deutschland in die Schranken zu weisen. Deutschland hätte das in einem Siegesfall 100%tig genau so gemacht! Einer muss ja schuldig sein. Ob das der sein Muss, der die Sache angefangen hat oder der, der die Sache geführt hat ist eine Frage die von Fall zu Fall anders entschieden werden muss. Im Fall des 1. Welkrieges ist es definitiv das 2.
Ganz genau so ist es! Und Deutschland hat es im Siegesfall genauso gemacht, und zwar im Separatfrieden mit Rußland im ersten Weltkrieg, dem Vertrag von Brest-Litowsk. Kleine Ironie der Geschichte übrigens, daß der sich zu großen Teilen inhaltsgleich auch im Versailler Vertrag - nun gegen das deutsche Reich gerichtet - nachlesen läßt.
@graka0815: Klar hast Du nichts vom BGB erzählt, und das habe ich auch nicht behauptet. Das BGB sollte nur als mögliches Bezugssystem dienen, in dem Deine Schlußfolgerungen richtig gewesen wären. Mehr nicht.
Zurück zum ersten Weltkrieg: Ich stimme Dir absolut zu, daß das Geflecht der wechselseitigen Beistandspakte seit dem späten 19. Jahrhundert mehr oder weniger zwangsläufig zu einem großen Kriegsausbruch geführt hat. Das Attentat von Sarajewo war in diesem Zusammenhang nur der Anlaß, den das k.u.k. Österreich-Ungarn brauchte, um den schon lange schwelenden Konflikt mit Serbien in einen offenen Krieg ausarten zu lassen, weil halt ein Serbe der Täter gewesen ist. Das legte dann Feuer an die Lunte des Pulverfasses Europa, weil dann Rußland gezwungen war, Österreich-Ungarn den Krieg zu erklären, worauf Deutschland Rußland den Krieg erklären mußte, und so weiter, wie bereits dargestellt wurde.
Daß Österreich-Ungarn die Ermordung des Thronfolgers lediglich als willkommenen Anlaß für einen Krieg genommen hat, dieses jedoch keinesfalls die Kriegsursache war, sieht man zum Beispiel daran, daß die Ermordung Sissis durch einen Italiener zum damaligen - noch früheren - Zeitpunkt eben nicht zu einer Kriegserklärung gegen Italien geführt hat.
Diese gesamteuropäische Gemengelage war ja auch der Grund dafür, daß man vor ca. 10 Jahren in der Tat völkerrechtlich anerkannt hat, daß die Klausel des Versailler Vertrags, in der Deutschland sich zur alleinigen Kriegsschuld bekannt hat, nicht den historischen Tatsachen entspricht. Der Versailler Vertrag insgesamt wurde, lieber Graka0815, damit aber nicht in Gänze unwirksam oder nichtig. Es tut mir leid, aber da sitzt Du einer Falchinformation auf! Wenn ein Vertrag nichtig ist, dann muß man sich in der Tat nicht daran halten. Weiterhin bedeutet das aber auch, daß alle Folgen eines nichtigen Vertrages ebenfalls rückgängig gemacht werden müssen. Und das eben dieses nicht eingetreten ist, kannst Du mit einem einfachen Blick auf die Landkarte feststellen:
- Südtirol gehört zu Italien. (O.K., das war nicht Versailles, sondern der entsprechende Vertrag mit Österreich.)
- Elsaß-Lothringen gehört zu Frankreich.
- Die Region um Eupen-Malmedy gehört zu Belgien.
- Es existieren Staaten wie Ungarn, Tchechien, die Slowakei und die Nachfolgestaaten Jugoslawiens.
Weiterhin wurden die von Deutschland gezahlten Reparationen nicht rückabgewickelt, wie es bei einem von Anfang an nichtigen Vertrag erforderlich gewesen wäre.
Nun zum "Recht" der Siegermächte, einen Vertrag wie den von Versailles zu diktieren: Das war damals halt einfach so! Daß der Kriegsverlierer die Kriegsschuld aufgebrummt bekommen hat, Gebiete abtreten und finanziellen Ausgleich in Form von Reparation leisten mußte, war damals - ich betone: aus der damaligen Sicht der Dinge! - übliche Praxis. Wie gesagt, die Deutschen haben es mit den Russen nicht anders gemacht, und sogar im amerikanischen Bürgerkrieg haben die Nordstaaten die Südstaaten auch Jahre nach Kriegsende richtig bluten lassen. Leute, die dieses System ändern wollten, wie die US-Präsidenten Lincoln bzw. Wilson, waren damals absolut in der Minderheit und konnten sich - wie die Geschichte zeigt - nicht durchsetzen.
Aus der seinerzeitigen Sicht der Dinge - und nicht, Deinem Vorwurf entsprechend, in der Rückschau - war das Ganze also völlig in Ordnung! Der Vertrag von Versailles war Realität, der die europäische Politik 20 Jahre lang entscheidend geprägt hat, und auch von den Nazis als Begründung ihrer Agressionspolitik herangezogen wurde.
Aus der damaligen Sicht der Dinge - nun 20 Jahre später - hat auch keiner - auf sämtlichen Seiten - moralische Bedenken gegen die Zerstörung ganzer Städte gehabt. Auch das war damals einfach so, als gängige Militärdoktrin, unabhängig davon, ob uns das heute gefällt oder nicht, und auch unabhängig davon, daß sich diese Flächenangriffe in der Rückschau als reichlich sinnlos herausgestellt haben. Im zweiten Weltkrieg hielt man das halt für ein probates Mittel, um, wie es damals hieß, den Krieg in das Hinterland zu tragen, die militärische Infrastruktur zu zerschlagen, die Militärproduktion zu vermindern, oder was auch immer hier zur Rechtfertigung herangezogen wurde.
An einer Stelle enden aber die historischen Vergleichsmöglichkeiten: Bei der Judenvernichtung unter den Nazis, schlicht und ergreifend in Ermangelung einer historischen Parallele. Versuche, die in diese Richtung gehen, werden sofort als Versuch der Verharmlosung aufgefaßt, wie ja auch hier und von mir geschehen.
Abgesehen davon, daß ich diese Diskussion ziemlich prickelnd finde, stellt sich aber doch noch eine Frage: Graka0815, Du lehnst mangels persönlicher Existenz jegliche Verantwortung für die damaligen Ereignisse ab, und das imho auch zu Recht. Daher verstehe ich aber Deine Motivation nicht, die Vergangenheit schön reden zu wollen. Persönlich besser gehen dürfte es Dir damit eigentlich nicht.
Mein Großvater, der mehrere Jahre in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft verbrachte, hat es geschafft, seinen Frieden mit der Vergangenheit zu machen, ebenso Frankreich, Polen, Deutschland etc. als Staaten. Warum nicht auch Du?
Ciao, Tiguar
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