Warum verjüngen sich antike Säulen nach oben hin?

Toengel

Commander
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Tachchen,

bei einem Gespraech letztes Wochenende mit Freunden sind wir auf das Thema gekommen, warum sich antike Saeulen nach oben hin verjuengen. Wir sind jedoch auf keinen Nenner gekommen und so war das Internet gefragt... Wie so oft, haben wir viele Quellen gefunden, wo steht, dass sie sich nach oben hin verjuengen, jedoch nicht warum...

Weiss das zufaellig jemand aus der FB-Community? Da hier viele Schueler unterwegs sind, koennte vielleicht jemand mal seine/n Kunstlehrer/in fragen?

Waere sehr zuvorkommend...

Toengel@Alex
 
weil die schwerkraft das material nach unten zieht?
 
hm ich denke es hat was mit der optik zu tun...wenn direkt davorsteht sehen die so glaube ich gerade aus....

und wenn die oben dünner werden, dann sind sie oben leichter und nicht so kopflastig, was gerade in griechenland wg erdebeben sinnvoll wäre...

es kann auch sein das es nur n bestimmter stil ist...

EDIT:

http://de.wikipedia.org/wiki/Korinthische_Säulen
 
Morphium Post war kein Witz.

Wenn man das Gewichtsmässig sieht, haben unten die Säulenabschnitte mehr zu trägen als die oberen.

Der Eifelturm ist unten auch breiter;)

Würde also schon auf den Gewichtsgrund tippen. Auch wenn Optik auch eine Rolle spielt.
Was mir gerade ganz nebenbei einfällt: Diese Kinder "Becher zum Turm bau" Spielzeuge. Gibs auch als Würfelvariante. Aber es sind kleiner werdende damit man sie besser stabeln kann.
 
Tachchen,

thx fuer die Links, aber da war ich auch schon und da steht leider auch nur, dass sie nach oben hin verjuengen...

Das mit der Optik hatten wir auch in unserem Gespraech, bloss wenn man vor den Säulen steht und diese oben duenner sind, wirkt das ja doppelt - sie wirken also noch duenner als sie ohnehin dann schon sind...

Das sie unten breiter sind, kann natuerlich auch Statik-Gruende haben. Jedoch gibt es auch Saeulen die ueberall den gleichen Durchmesser haben...

Ich bin der Meinung, dass ich frueher mal gehoert habe, dass es optische Gruende hat... jedoch sind die bisher mir aufgeworfenen Antworten, die ich so gehoert habe, nicht wirklich richtig logisch...

Trotzdem schonmal Danke fuer die Ideen... Ich bin fuer weitere Vorschlaege offen... ;-)

Toengel@Alex
 
Herrmann schrieb:
Morphium Post war kein Witz.

Wenn man das Gewichtsmässig sieht, haben unten die Säulenabschnitte mehr zu trägen als die oberen.

Der Eifelturm ist unten auch breiter;)

Würde also schon auf den Gewichtsgrund tippen. Auch wenn Optik auch eine Rolle spielt.
*klick* Rein statische Gesichtspunkte können dafür nicht ausschlaggebend sein:
War die Säule im griechischen Tempel noch tragendes Element, da dieser im Stütze-Last-Prinzip gebaut war, wurde sie im römischen Tempelbau teilweise zum reinen Dekorelement. Der röm. Tempel bedurfte ihrer nicht mehr unbedingt für die Statik, da die neue Errungenschaft des Kuppelbaus eine Überspannung weiter Räume ohne zusätzliche Stützen erlaubte.
Ich vermute daher, dass optische Aspekte eher eine tragende :D Rolle spielen:
Säulen sind meist in drei Glieder aufgeteilt: Fuß bzw. Basis, Säulenschaft und Kapitell (von caput, lat.: Kopf). Mit diesen Benennungen wird deutlich, dass es sich bei der Säule um die extremste Stilisierung des menschlichen Körpers handelt.
 
Ein wichtiges Zitat fehlt noch:
Eine Säule ist ein in der Regel im Grundriss rundes Element in Steinbau mit schmückender oder stützender Funktion (Stützglied). Im Gegensatz zum Rundpfeiler zeichnet sich die Säule durch eine Verjüngung im Querschnitt oder Entasis aus.
.

Wenn ich mich recht an meinen Kunstepochen Unterricht entsinne, wählten die Griechen für ihre Tempelbauten die Säule und nicht den Rundpfeiler als tragendes Element, weil optisch sonst das Dach zu schwer gewirkt hätte.
Dazu kam, daß Säulenabstände - und Höhen proporzional zueinander genau stimmen mußten im Verhältnis zum Ober - und Unterbau.
 
Brigitta schrieb:
Ein wichtiges Zitat fehlt noch: Im Gegensatz zum Rundpfeiler zeichnet sich die Säule durch eine Verjüngung im Querschnitt oder Entasis aus.
OT/OT:

Dir kann ich wohl gar nichts Recht machen...;)

Da sich die Fragestellung explizit auf die Bauform einer Säule bezog, fand ich es vernachlässigenswert, den Unterschied zum Rundpfeiler, der ja eben nicht konisch zuläuft, herauszustellen. :heilig:
 
Brigitta schrieb:
...weil optisch sonst das Dach zu schwer gewirkt hätte.
Dazu kam, daß Säulenabstände - und Höhen proporzional zueinander genau stimmen mußten im Verhältnis zum Ober - und Unterbau.

Tachchen,

dies ist der beste Ansatz, den ich bis jetzt gehoert habe... *mehr Informationen haben will*

Toengel@Alex
 
Vielleicht wollte man damit auch nur erreichen dass so eine Säule durch die Verjüngung nach oben optisch noch höher wirkt. Also durch die übertriebene Perspektivische Verzerrung. Somit wirken die Bauten evtl. noch imposanter als sie ohnehin schon sind. :)
An statische Gründe glaube ich weniger, da das Eigengewicht einer Säule vernachlässigbar ist im Gegensatz zu dem was sie tragen soll.
 
Auch die Architektur der griechischen Säulen orientiert sich an die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Maßstab war also die organische Natur. An ihr mußte sich die Architektur messen, um den Anspruch auf Vollkommenheit zu genügen.

Die Verjüngung (Entasis) der Säulen nach oben hin spiegelt das Prinzip für organisches Wachstum wieder. Der Betrachter gewinnt daraus den Eindruck kraftvoll getragener Last.
Vorgänger der steinernen Säulen waren Konstruktionen aus Holz. Ein Baumstamm verjüngt sich in der Regel auch nach oben hin.;)

Natürlich gab es auch noch Unterschiede zwischen den einzelnen Ordnungen (dorisch, ionisch und korinthisch).
Die Ordnung, die jeweils angewendet wurde, bestimmte auch die Proportionen der einzelnen Bauglieder. So stand die Höhe einer Säule in einem genau festgelegten Proportionsverhältnis zum Durchmesser ihrer Basis.
Abgesehen davon bediente man sich bei der Gestaltung der Bauglieder optischer Korrekturen . So standen die Säulen auch nicht völlig senkrecht, sondern neigten sich ein wenig nach innen. In manchen Tempeln waren die Frontsäulen etwas dünner und höher als die seitlichen. Diese optischen Korrekturen mit kaum merklichen Abweichungen sollten die Illusion absoluter Regelmäßigkeit hervorrufen. Die Griechen waren exakte Beobachter und bestrebt die Gesetzmäßigkeiten der Natur folgerichtig anzuwenden.
Eine langgestreckte Horizontale, die auf einer Reihe von Vertikalen aufruht, erscheint dem Betrachter tatsächlich gekrümmt, weshalb man eine kaum merkliche zentrale Steigerung angewendet hat.


Zusammengefasst:
Vorbild war die Natur. Um den Eindruck kraftvoll getragener Last entsprechend der Natur wiederzugeben, verjüngten sich die Säulen nach oben hin.
Durch wohlüberlegte Korrekturen versuchte man optische Unregelmäßigkeiten auszugleichen.
 
Ich vermute jetzt ma ins Blaue hinein. Vieleicht hat man sie leichter nach oben bekommen.
 
So, jetzt habe ich etwas gefunden was denke ich ganz hilfreich ist, und meiner Erinnerung ungefähr entspricht (an meinen damaligen Unterricht (gab es nicht neulich einen Thread in dem gefragt wurde, ob man seine alten Schulsachen weg werfen sollte oder nicht? Ich habe sie entsorgt :( )):

G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik III. Das System der einzelnen Künste Zweites Kapitel: Die klassische Architektur 3. Die verschiedenen Bauarten der klassischen Architektur

Die dorische, ionische und korinthische Säulenordnung

...
Die Hauptpunkte nun, auf welche es ankommt, betreffen das Verhältnis der Höhe der Säulen zu ihrer Dicke, die verschiedene Art der Basis und des Kapitells und endlich die größeren oder geringeren Abstände der Säulen voneinander. Was den ersten Punkt angeht, so erscheint die Säule plump und gedrückt, wenn sie nicht die vierfache Höhe ihres Durchmessers erreicht; übersteigt sie indessen die zehnfache Höhe desselben, so erscheint sie dem Auge zu dünn und schlank für die Zweckmäßigkeit des Tragens. Hiermit aber steht die Entfernung der Säulen voneinander in engem Verhältnis; denn sollen die Säulen dicker erscheinen, so müssen sie einander näher gestellt werden, sollen sie dagegen schmächtiger und schmaler aussehen, so können die Abstände weiter sein. Von gleicher Wichtigkeit ist es, ob die Säule ein Fußgestell hat oder nicht, ob das Kapitell höher ist oder niedriger, schmucklos oder verzierter, indem sich dadurch ihr ganzer Charakter verändert. In Ansehung des Schaftes aber gilt die Regel, daß derselbe glatt und unverziert gelassen werden muß, obschon er nicht in durchgängig gleicher Dicke aufsteigt, sondern nach oben hin um ein weniges schmaler wird als unten und in der Mitte, so daß dadurch eine Schwellung entsteht, die, wenn auch fast unmerklich, dennoch vorhanden sein muß....

Es fehlen noch die Dachformen, die auch starken Einfluß auf die Optik hatten. Steil, flacher, dickeres Gebälk oder abgestuft. Hat alles eigene Wirkung auf die optische Erscheinung. Die Griechen haben es teilweise zur perfekten Kunst der optischen Täuschung in ihrer Architektur gebracht...
 
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