Drive Pilot: Neue S-Klasse fährt mit Level-3-System bis 60 km/h allein

Update Nicolas La Rocco
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Drive Pilot: Neue S-Klasse fährt mit Level-3-System bis 60 km/h allein
Bild: Mercedes-Benz

tl;dr: Mercedes-Benz will in der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres den Drive Pilot für die neue S-Klasse als erstes Level-3-System für hochautomatisiertes Fahren anbieten. Das neue System wird es zum Start erlauben, bis 60 km/h dauerhaft die Hände vom Lenkrad zu nehmen. Für Parkhäuser ist ein Level-4-System geplant.

Update

Mercedes-Benz hat für den Drive Pilot in der S-Klasse durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) die Systemgenehmigung auf Basis der technischen Zulassungsvorschrift UN-R157 (PDF) erhalten, um die Level-3-Lösung für hochautomatisiertes Fahren international anbieten zu können.

Nachdem zur Erstankündigung des Drive Pilot noch eine Markteinführung im zweiten Halbjahr 2021 anvisiert worden war, sollen erste Interessenten jetzt in der ersten Jahreshälfte 2022 eine S-Klasse mit Drive Pilot erstehen können. Das System wird in Deutschland auf 13.191 Autobahnkilometern zunächst Fahraufgaben bis zu den gesetzlich erlaubten 60 km/h übernehmen. Der Drive Pilot ist zum Start demnach ein Stauassistent, der Sensordaten und HD-Karten als Grundlagen der Steuerung nutzt. Während der hochautomatisierten Fahrt darf sich der Fahrer vom Verkehrsgeschehen ab- und bestimmten Nebentätigkeiten zuzuwenden, etwa E-Mails, Browser und Filme.

Bei der neuen S-Klasse, deren Vorstellung für den 2. September angesetzt ist, werden erstmals alle Fahrerassistenzsysteme gemäß Level 2 serienmäßig verbaut sein. Den Schritt auf die nächste Ebene geht die Serie aber entgegen der Planung zum Start noch nicht: Erst im kommenden Jahr will Mercedes-Benz mit dem Drive Pilot eine Sonderausstattung anbieten, die erstmals ein Level-3-System für hochautomatisiertes Fahren auf deutschen Straßen realisiert. Nach aktuellem Stand schickt sich der Autohersteller an, der erste Anbieter eines solchen Systems in Deutschland zu sein. Möglich macht das unter anderem eine im Juni vom Weltforum für die Harmonisierung von Fahrzeugvorschriften beschlossene Regulierung, die am 1. Januar 2021 in Kraft treten soll. In Deutschland ist mit der Öffnung des Straßenverkehrsgesetzes für Level-3-Systeme bereits im Jahr 2017 eine rechtliche Grundlage geschaffen worden.

Der Drive Pilot ist vorerst ein Stauassistent

Der Drive Pilot ist von Mercedes-Benz im ersten Schritt als Staupilot für Autobahnen konzipiert worden und lässt sich gemäß der aktuellen Gesetzeslage bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h nutzen. Er soll zunächst ausschließlich bei hohem Verkehrsaufkommen oder in Stausituationen und ausschließlich auf geeigneten Autobahnen zum Einsatz kommen. Wie Michael Hafner, Vice President Automated Driving, in einem Vorabgespräch mit ComputerBase erläuterte, erfüllen 90 Prozent der deutschen Autobahnkilometer die Vorgaben für hochautomatisiertes Fahren. Davon ausgeschlossen sind primär lange Tunnel, wie sie vor allem in Süddeutschland anzutreffen seien.

YouTube während der Fahrt ist damit erlaubt

Unter einem Level-3-System und hochautomatisiertem Fahren ist ein System zu verstehen, bei dem der Fahrer Gas und Bremse und als besondere Neuerung auch das Lenkrad dauerhaft nicht mehr bedienen muss und diese Aufgaben das Auto übernimmt. Bei derzeitigen Level-2-Systemen gibt es lediglich eine Lenkunterstützung, die nur wenige Sekunden eigenständig arbeitet. Im Fachjargon wird bei Level-3-Autonomie auch von „Eyes Off“ gesprochen, da sich der Fahrer von der Beachtung des Verkehrsgeschehens abwenden und anderen Dingen widmen darf. Mercedes-Benz nennt Beispiele wie das Surfen im Internet, das Abspielen von Videos, das Bearbeiten von E-Mails im „In-Car-Office“ oder auch einfach nur das Entspannen mit Sitzmassage.

Schlafen ist noch nicht vorgesehen

Hochautomatisiert bedeutet aber noch nicht vollautomatisiert gemäß Level 4, sodass das Verstellen des Sitzes in eine Liegeposition, das Schlafen, das dauerhafte Blicken nach hinten oder gar das Verlassen des Fahrersitzes nicht mit dem Drive Pilot erlaubt sind. Innerhalb von zehn Sekunden muss der Fahrer dazu in der Lage sein, die manuelle Fahrzeugsteuerung wieder zu übernehmen. Um die Übernahmefähigkeit des Fahrers sicherzustellen, beobachten die Kameras des bereits vorgestellten Fahrer-Displays und des MBUX Interieur-Assistenten die Bewegung von Kopf und Augenlidern.

Neues Lenkrad aktiviert den Drive Pilot

Für die Bedienung des Drive Pilot verbaut Mercedes-Benz ein neues Lenkrad in der S-Klasse, das mit zwei neuen Bedienelementen und einer neuen Beleuchtung oberhalb der Daumenmulden sowie hinter dem Lenkrad ausgestattet ist. Sofern alle Bedingungen für das hochautomatisierte Fahren erfüllt sind (dazu später mehr), bietet sich der Drive Pilot dem Fahrer über weißes Licht in den neuen Bedienelementen an, die dann über beide Daumen einmalig zur Aktivierung betätigt werden müssen. Der Fahrer gibt die Verantwortung also jedes Mal ganz bewusst und gezielt an das Fahrzeug ab.

Ist das System aktiv, wechselt die Beleuchtung zu türkiser Farbe und zusätzlich leuchtet ein Ring gleicher Farbe hinter dem Lenkrad. Einmal aktiviert, regelt das System bis 60 km/h die Geschwindigkeit und den Abstand und führt das Fahrzeug innerhalb der Spur. Streckenverlauf, auftretende Streckenereignisse und Verkehrszeichen werden ausgewertet und entsprechend berücksichtigt. Der Drive Pilot kann unerwartet auftretende Verkehrssituationen erkennen und durch Ausweichmanöver innerhalb der Spur oder durch Bremsmanöver eigenständig bewältigen. Über die Lenkradtasten oder einen bewussten manuellen Eingriff lässt sich der Drive Pilot jederzeit deaktivieren.

Lidar-Sensor und hochauflösende Karten

Die Voraussetzung für das hochautomatisierte Fahren sind vielfältig und fangen bei der Hardware-Ausstattung des Fahrzeugs an. Zusätzliche Sensoren, die dieses Jahr mit Verfügbarkeit der neuen S-Klasse noch nicht angeboten werden, erweitern im kommenden Jahr als Teil der Sonderausstattung die diesjährige Umfeldsensorik des Fahrassistenz-Pakets. Mercedes-Benz hält Lidar, eine weitere Kamera in der Heckscheibe und zusätzliche Mikrofone als unerlässlich für sicheres hochautomatisiertes Fahren. Die Mikrofone dienen insbesondere zum Erkennen von Blaulicht und Sondersignalen von Einsatzfahrzeugen. Das Fahrzeug soll eigenständig Rettungsgassen mitbilden können. Ein Sensor für die Erfassung des Straßenzustands kommt ebenfalls zum Einsatz und erkennt in Kombination mit den Mikrofonen auch, ob beispielsweise Wasser in den Radhäusern plätschert. Denn der Drive Pilot ist im ersten Schritt primär für das Fahren auf trockener Strecke bis leichter Nässe ausgelegt, hohe Nässe oder das Fahren auf Schnee und vereisten Straßen werden nicht unterstützt.

HD-Karten werden laufend über Mobilfunk erneuert

Neben der erweiterten Sensorik sind hochauflösende Kartendaten eine weitere Voraussetzung des hochautomatisierten Fahrens. Mercedes-Benz setzt dabei auf die gemeinsam mit Audi und BMW erworbenen HD-Karten von Here. Diese HD-Karten weisen eine zentimetergenaue statt bislang nur metergenaue Auflösung aller Straßendetails auf und werden dem Auto über eine Backend-Anbindung laufend per Mobilfunk zugespielt. Die HD-Karten sind mit derart vielen Informationen gespickt und werden zudem laufend durch Messfahrzeuge und die eigene Fahrzeugflotte aktualisiert, dass sie laut Mercedes-Benz zu groß für die dauerhafte Speicherung im Fahrzeug sind. Stattdessen wird auf einen laufend über die Backend-Anbindung erneuerten Datenbestand der nächsten Kilometer gesetzt und die alten Daten wieder verworfen. Die HD-Karten kombiniert Mercedes-Benz mit einem hochgenauen Positionierungssystem, das weit über die Leistung bislang im Auto verwendeter GNSS hinausgehen soll.

Für Level 3 benötigte Sensorik im Fahrzeug
Für Level 3 benötigte Sensorik im Fahrzeug (Bild: Mercedes-Benz)

2024 folgt Nvidia Drive AGX Orin

Ausgeführt werden die Berechnungen für das hochautomatisierte Fahren auf einem zentralen Steuergerät, zu dessen Sicherheitsarchitektur die doppelte Ausführung aller Algorithmen zählt. Wer in der neuen S-Klasse die Rechenleistung des Level-3-Systems beisteuert, wollte Mercedes-Benz auf Nachfrage noch nicht beantworten. Für 2024 plant Mercedes-Benz eine Kooperation mit Nvidia und deren Orin-SoC, das aktuell aber noch nicht einsatzbereit ist. Laut Michael Hafner werde die funktionale Software inhouse entwickelt und auf dem Intelligent Drive Controller (IDC) ausgeführt. Mercedes-Benz sei auch der Systemintegrator und setze auf Sensoren unterschiedlicher Zulieferer. Mit dem Drive Pilot verfügt die S-Klasse zudem über redundante Lenk- und Bremssysteme sowie ein redundantes Bordnetz, um auch beim Ausfall eines dieser Systeme manövrierfähig zu bleiben und eine sichere Übergabe an den Fahrer zu gewährleisten.

Ohne Reaktion folgt ein Sicherheitsstopp

Vor der Übergabe zurück an den Fahrer soll dieser rechtzeitig zur Übernahme der Fahrzeugsteuerung aufgefordert werden. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn sich das Auto dem Ende des für den Drive Pilot geeigneten Streckenabschnitts nähert, beispielsweise einem Tunnel, oder sich andere Umstände ändern, etwa das Wetter oder die Verkehrssituation, wenn sich der Stau auflöst. Übernimmt der Fahrer nicht innerhalb von zehn Sekunden nach Aufforderung das Steuer und wird auch nach eskalierter Übernahmeaufforderung nicht gehandelt, etwa wenn ein gesundheitliches Problem vorliegt, bremst der Drive Pilot im Rahmen eines Sicherheitsstopps kontrolliert das Auto ab und aktiviert das Warnlicht. Zusätzlich werden das Notrufsystem aktiviert und die Türen und Fenster entriegelt, um Ersthelfern den Weg in das Fahrzeug zu erleichtern.

OTA-Updates sollen den Drive Pilot erweitern

Mercedes-Benz will den Drive Pilot nach der ersten Verfügbarkeit im zweiten Halbjahr 2021 über OTA-Updates künftig leistungsfähiger machen. Das System sei dafür vorbereitet, es für höhere Geschwindigkeiten oder andere Anwendungsfälle zuzulassen, sobald der rechtliche Rahmen dies ermögliche. Über Optimierungen an der Software, etwa im Bereich der Sensor-Performance, sei dies laut Michael Hafner ohne Veränderungen an der Hardware umsetzbar. So sei es durchaus denkbar, den Drive Pilot im späteren Verlauf der Entwicklung bis zur Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auch außerhalb von Stausituationen verwenden zu können. Nach dem Start in Deutschland soll zudem Schritt für Schritt die Einführung in weiteren Ländern Europas sowie in den USA und China erfolgen, sobald es auch dort die jeweils nationale Rechtssituation vorsieht, dass eine Abwendung von der Fahraufgabe zulässig ist. In Nordamerika bietet Cadillac mit „Super Cruise“ bereits ein Level-3-System an.

Intelligent Park Pilot gemäß Level 4

Der nächste Schritt nach einem Level-3-System für hochautomatisiertes Fahren ist das Level 4 für vollautomatisiertes Fahren, für das abhängig vom Anwendungsfall kein Fahrer mehr notwendig ist. Die neue S-Klasse soll mit der Vorrüstung für den Intelligent Park Pilot für das sogenannte „Automated Valet Parking“ gemäß Level 4 vorbereitet sein, um vollautomatisiert und fahrerlos in mit entsprechender Infrastruktur ausgerüsteten Parkhäusern ein- und auszuparken, sofern die Gesetze einen solchen Betrieb erlauben.

Mercedes-Benz testet ein solches System seit Sommer 2017 im Stuttgarter Mercedes-Benz Museum. Dabei wird das Auto in einem definierten Drop-off-Bereich abgestellt und der Parkvorgang über eine Smartphone-App initiiert. Nach entsprechender Bestätigung kann das Auto verlassen werden, das daraufhin vollautomatisiert durch das Parkhaus zu seinem Parkplatz fährt. Umgekehrt kann der Fahrer die S-Klasse per Smartphone aus dem Stellplatz ausparken und zu einem vordefinierten Pick-up-Bereich fahren lassen.

ComputerBase hat Informationen zu diesem Artikel von Mercedes-Benz unter NDA erhalten. Die einzige Vorgabe war der frühest mögliche Veröffentlichungszeitpunkt.

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