Ich hau jetzt einfach mal jedem hier einen Hammer vor den Kopf: Den Haitianern geht und ging es weniger schlecht, als es der helfsüchtige Helfer glauben will. Ich komme am Ende des Beitrags nochmal darauf zurück.
Allen, die vielleicht mal differenziert über die Sache nachdenken wollen und Englisch können, empfehle ich deswegen mal den Independent-Artikel von Andy Kershaw:
Stop treating these people like savages (Hört auf die Leute wie Wilde zu behandeln!)
In kurz für alle Englisch-Muffel:
1. Haiti war mal reich, verdammt reich.
2. die Haitianer waren das erste schwarze Volk der Erde ds sich durch eigene Kraft vom Kolonialismus befreitete und die französischen Kolonialherren vertrieb.
3. es gab dann irgendwann eine sehr brutale Diktatur, gefolgt von einer sehr brutalen Diktatur des Sohnes des alten Diktators
4. die Haitianer schafften einen bedrohten Politiker zum Flughafen und damit außer Landes unter Einsatz ihrer bloßen Hände gegen bewaffnete Militärgewalt
5. 1990 erwirkten die Haitianer selbst die ersten demokratischen Wahlen
6. das Land ist arm, das führt dazu, dass zwar - entgegen der Medienberichte bei uns - haufenweise Technik da ist, diese aber nicht benutzt werden kann, weil das Benzin fehlt.
7. die angeblichen brutalen Zustände sind im wesentlichen eine Medienlüge - es gibt gelegentlich mal eine kleine Gruppe Männer die ausrastet, nach vier Tagen ohne Schlaf kommt das vor, passiert aber auch jede Nacht in Marzahn - ich hatte selbst letzten Sommer einen türkischen Bettnachbarn im Krankenhaus, den nachts in Marzahn zwei russische Jugendliche ausdrücklich totschlagen wollten. In Haiti trauen sich solche Vandalen sowas manchmal auch am Tag, als Journalist darüber zu berichten, als wäre deswegen in Haiti quasi Bürgerkrieg ist aber völlig Fehl am Platz und zeugt von der allgemeinen Sicherheitsparanoia, die in unserer Gesellschaft immer mehr Leute ergreift.
8. die Haitianer haben vor dem Erdbeben da gelebt - ja, es gab da Kuriositäten wie Lehmkekse, aber trotzdem sehen die Menschen da selten unterernährt aus - jeder der die 1990er Bilder aus Somalia kennt oder mal KZ-Häftlings-Fotos gesehen hat, sollte das auf den ersten Blick sehen. Andrew Kershaw war schon oft in Haiti und hat immer gesehen, wie kaputt alles ist und dass die Gesellschaft da mit den kaputten Infrastrukturen nach unserem Ermessen gar nicht überleben könnte, aber das tun sie seit Jahrzehnten, sie kommen mit diesen Umständen klar und sind laut Kershaw "Weltmeister" darin
Aus Erfahrung mit verschiedenen Medien traue ich dem Independent deutlich mehr als Tagesthemen, Welt oder ...
Was ich an den meisten Helfern bedauere, ist ihre Helfsucht, sie müssen unbedingt helfen und gehen dabei allein von ihren eigenen Maßstäben aus, weil sie so in ihren eigenen Augen sehr viel mehr helfen können, als wenn sie die tatsächlichen Maßstäbe der Opfer geltend machen würden. Kershaw gibt einen guten Hinweis: Die brauchen Benzin, wenn sie das haben, können sie auch das Wasser, das sich am Flughafen stapelt, ins ganze Land transportieren. Aber die hoch organisierten Hilfsorganisationen haben halt ihre "Erfahrungswerte" und stopfen immer mehr Lebensmittel in den Flughafen ohne es weiter ins Land transportieren zu können und bringen über die Dom.Rep. LKW ins Land, obwohl es davon in Haiti mehr als genug gibt - die Hilfsmittel den Haitianern einfach aushändigen kommt für sie auch nicht in Frage, da könnte ja ein Haitianer Zwischenhändler werden. So schlimm die Panikmachen vor Ausnutzung auch klingen, aber ich habe noch nie gehört, dass ein Sack Reis verschimmelt wäre, weil ein kapitalistischer Zwischenhändler den an sich genommen hat.
Und um den Schwachfug perfekt zu machen werden jetzt noch haufenweise bewaffnete Soldaten ins Land gestopft um die Lebensmittelausgabe mit Gewalt zu überwachen - das baut bei Menschen, die schlechte Erinnerungen nicht nur an zwei Diktaturen, sondern auch an einen US-Militäreinsatz haben, natürlich ungeheuer toll auf.
P.S.
Die Haitianer sind nicht politisch und kulturell zerstritten, wie die Somalis. Die bekämpfen sich nicht, deswegen ist es völliger Schwachfug, den Einsatz von Hilfsgütern als Waffe, den es in Somalia mal gab, verhindern zu müssen. Aber als Panikmachemedium kann man sich das natürlich alles so hinreden, als wäre es so, indem man mal eine Schlägerei in der Warteschlange filmt.
P.P.S.
Je stärker ich mir und meinen Mitbürgern einrede, dass die Haitianer ihr Leben pausenlos unerträglich finden, desto heroischer wird meine Hilfeleistung - ich mache mich zu einem tolleren Hecht, steige im gesellschaftlichen Ansehen. Sowas ist natürlich total altruistisch.
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