Ich bin wie immer in der Minderheit, nicht das mich das stört, aber das sind zu viele Kommentare auf die ich antworten muss, nur keine Zeit dafür. Also, falls es was explites gibt, einfach noch einmal ansprechen, ich werde versuchen dann zu antworten.
Mustis schrieb:
@SBJ
Erklär doch mal sachlich nüchtern, warum Erdogan/seine jetzt durchgesetzte Staatsreform gut für die Türken sein soll. Welche Vorteile siehst du und welche Nachteile?
Gerne doch.
Erst einmal muss man wissen, dass die Türkei immer noch mit der Verfassung der Putschisten regiert wird. Also seit Jahrzehnten wird die Türkei mit einer veralteten und zum Teil problematischen Verfassung regiert. Die AKP versucht seit fast einem Jahrzehnt eine ganz neue Verfassung zu schreiben, also die Grundgesetze. Obwohl die AKP mit Abstand die meisten Abgeordnete im Parlament hat, hat die AKP nur 3 Mitglieder versandt um mit den anderen 3 Parteien gemeinsam eine Verfassung zu schreiben. D.h. alle Parteien haben gleich viele (3) Leute versandt.
So, vor einiger Zeit hat sich die AKP und CHP sich zumindest bei 60 Artikeln geeinigt und die AKP versucht seit je und eh zumindest das rauszuhauen. Nur, dazwischen kam der Krieg in Syrien, all die Flüchtlinge, die Anschläge von PKK/ISIS und die CHP ist nicht mehr willig.
Das als Vorgeschichte, wieso die Verfassung und das System geändert werden sollte, unabhängig davon wer an der Macht ist.
Kommen wir zu heute.
Der Hauptgrund dafür ist ein offensichtlicher Grund, welcher eigentlich gar nicht genannt wird. In 94 Jahren wurden 65 Regierungen gebildet.
Könnt ihr das euch vorstellen? Alle 16 Monate eine neue Regierung. Das hängt damit zusammen, dass der Bundespräsident und der Bundeskanzler nicht immer einer Meinung sind. In Deutschland mag das anders sein, aber in der Türkei funktioniert das nicht so gut. D.h. man möchte diesen trägen Staatsapperat schneller machen und sich von dieser 2-köpfingen Sache trennen. Der Bundespräsident hat ein Veto-Recht und das führt zu Problemen, da früher (bis Erdogan direkt vom Volk gewählt wurde) die Staatspräsidenten vom Parlament gewählt worden sind. Und nicht immer waren die sich einig, auch obwohl sie aus der gleichen Ideologie/Patei kamen (siehe Ecevit/Sezer). Man möchte also aus dem parlementarischen System ein präsidial System machen, so wie in USA oder ähnlich wie in Frankreich. Da scheint es doch auch zu funktionieren oder klappen. Klar seit AKP regiert, also 15 jahre, gab es diese Probleme nicht, aber nur weil sie beständig sind, heißt es nicht, dass das System gut funktioniert.
Und nun konnte man sich mit der MHP einigen um 18 Artikeln rauszuhauen, die das System ändern wird. Aber nicht so dramatisch, wie es dargestellt wird.
Im Prinzip werden alle Rechte des Bundeskanzlers dem Präsidenten übertragen, mehr ist es nicht. Dazu gibt es einige neue Änderungen. Die kann man sich ja selbst anschauen.
https://en.wikipedia.org/wiki/Turkish_constitutional_referendum,_2017#Constitutional_amendments
Was sind nun die Vor- und Nachteile?
Erst einmal können nun Leute, die 18 sind gewählt werden zum Abgeordneten. D.h. man muss nicht mehr wie früher 25 sein (vorher waren es sogar 30, bis die AKP das auf 25 heruntergesetzt hatte).
Die Anzahl der Sitze werden von 550 auf 600 gesteigert.
Ihr könnt an der Grafik sehen, wieso es Sinn macht die Zahl zu steigern.
http://www.dogrulukpayi.com/image/content/Ekran Resmi 2017-03-17 10.35.07.png
Links das Land, dann die Einwohnerzahl (in Tausend), dann wie viele Abgeordnete, dann wie viele Einwohner pro Abgeordnete vertreten werden.
Die Wahlen werden nicht mehr 4, sondern alle 5 Jahre gemacht. Das könnte ein Nachteil sein oder ein Vorteil, je nachdem wie man dazu steht. Also wenn zum Beispiel eine Regierung gut arbeitet, ist es was gutes, dass die noch 1 Jahr zusätzlich haben, aber es könnte auch ein Nachteil sein, wenn man nicht so zufrieden ist.
Der frühere Bundespräsident (der momentane) kann nicht angeklagt werden, bis auf Staatsverrat. Und dazu braucht man 3/4 der Stimmen im Parlament. D.h. der jetzige Präsident ist hundert mal mächtiger, als der, der später kommende, weil man ihm nichts antun kann. Jetzt (ab 2019) wird der Präsident für alles angeklagt werden können und vom Parlament braucht man auch nur noch 2/3 der Mehrheit um wegen Staatsverrates den Präsidenten zum hohen Gericht zu bringen (um ihn abzusetzen).
Dann noch ein Vorteil. Der Präsident kann ab 2019 das Parlament komplett auflösen, ABER seine Position wird auch aufgelöst und es müssen Neuwahlen gemacht werden, wo das Parlament und der Präsident wieder zur Wahl müssen. Und umgekehrt, das Parlament kann zu jederzeit den Präsidenten absetzen, nur dann müssen wieder Neuwahlen gemacht werden (also wieder beide Seiten).
Dann gibt es paar numerische Änderungen. Zum Beispiel in USA wählt der Präsident ALLE Mitglieder der Verfassungsrichter, nun in der Türkei wird die Anzahl mit 4 beschränkt, was der Präsident frei wählen darf. Es ist schwer zu sagen, ob das gut oder schlecht ist. Die Zukunft wird das zeigen.
Ansonsten den Rest der Änderungen kann man sich ja anschauen.
Ein Nachteil ist, dass der zukünftige Präsident laut den Artikeln eine unbestimmte Anzahl von Vize-präsidenten benennen kann. D.h. theoretisch Tausende. Nur, das ist halt nur eine theoretische Sache, und hat nichts mit der Regel zu tun. In der Regel ist diese Anzahl bei 3 oder weniger. Es wurde keine Beschränkung gemacht, weil man wahrscheinlich die Beschränkung mit normalen Gesetzen festlegen will, also wahrscheinlich wird das erst später geklärt, d.h. es steht nicht explizit in der Grundverfassung.
Ein Vor- oder Nachteil könnte der sein, dass die Militärgerichte nun vollständig aufgehoben worden sind. D.h. ist auch so eine Ansichtssache. In der Vergangenheit hat die FETÖ diese Gerichte unterwandert und Unschuldige Generäle ins Gefängnis geworfen und man hat das zu spät gemerkt. Und viel viel früher, also vor AKP in den 70ern oder 80ern etc. wurden auch viele leute durch diese Gerichte verurteilt. Man hat nicht komplett die Kontrolle über diese, weswegen man diese nun abschafft und alles auf die normalen Gerichte überlassen will, damit niemand benachteiligt wird oder umgekehrt.
Hoffe, ich konnte behilflich sein.