chriwi schrieb:
Was zeigt, dass die Löhne zu niedrig sind
Für wen zu niedrig? Wir haben keine Arbeitsdiktatur, sondern einen Arbeitsmarkt. Das bedeutet, dass sich Arbeitgeber(-Vertreter) und Arbeitnehmer(-Vertreter) darauf einigen müssen, wie eine bestimmte Arbeit bezahlt wird. Das ist ein weites Feld, das schon häufig beackert worden ist.
Die Menschen, die in Deutschland ihre Arbeitskraft anbieten, müssen sich darüber im Klaren sein, dass auf dem Arbeitsmarkt eine Konkurrenzsituation herrscht. Einerseits buhlen die Arbeitgeber um die besten Arbeitnehmer, andererseits kämpfen die Arbeitnehmer um die attraktivsten Jobs.
Zutreffend ist weiterhin, dass sich der (Markt-)Preis für Arbeit nicht frei bilden kann. Dafür sorgen Gesetze und Tarifabschlüsse. Außerordentlich gute Leistungen können zwar problemlos besonders gut entlohnt werden, aber nach unten gibt es immer noch wenig Flexibilität. Das scheint gewollt zu sein und ist womöglich auch vernünftig, bedeutet aber zugleich, dass man mitunter Arbeitslosigkeit in Kauf nimmt.
Hinzu kommt, und das wollen wir nicht unberücksichtigt lassen, dass Arbeitnehmer in Deutschland mit Maschinen und mit (scheinbar) preiswerteren Arbeitskräften im Ausland konkurrieren müssen. Dem wird bislang allerdings kaum Rechnung getragen, außer vielleicht von Arbeitgeberseite, indem man dem deutschen Arbeitsmarkt einfach den Rücken zudreht und abwandert.
Ist diese Entwicklung verwerflich? Ich denke nicht. Jahrzehntelang haben wir für freien Handel gekämpft, damit die Deutschen ihre Exportschlager im Ausland absetzen können. Jetzt schlägt die Welt mit attraktiven Produktionsstandorten und mit günstigen Arbeitskräften zurück. Wer austeilt, muss auch einstecken können.
chriwi schrieb:
Die Frage ist doch, wie man Müßiggang definiert.
Ganz genau. Man muss nicht einmal den Wohlstand nach materiellen Maßstäben bewerten und kann sich stattdessen darüber freuen, wenn Papa wieder mehr Zeit für seine Kinder hat. Aber ich denke, wir sind noch nicht so weit. Das Hunger nach Mehr ist längst nicht gestillt (und wird es vermutlich auch nie). Deshalb ist der Durchschnitts-Arbeitnehmer auch nicht zufrieden. Er hätte gern mehr, entweder mehr Geld oder mehr Freizeit – bestenfalls beides.
Wir könnten uns mehr Freizeit erkaufen, allerdings immer nur auf Kosten unseres materiellen Wohlstands. Denn wer in der Hängematte liegt, arbeitet in dieser Zeit nicht und schafft in dieser Zeit keine Werte, die man später im Schaufenster bewundern und kaufen kann.
Momentan ist aber nicht die Rede davon, sich materiell einzuschränken. Ganz im Gegenteil habe ich den Eindruck, es soll suggeriert werden, dass genug Wohlstand für alle vorhanden wäre und es überhaupt kein Problem wäre, wenn wir alle etwas kürzer treten würden. Aber das glaube ich so nicht.
Denn dann schaue ich mir das derzeitige Steueraufkommen an (Einkommensteuer) und überlege, wer dieses Geld größtenteils aufbringt. Nun soll durch die MwSt.-Erhöhung auf 50 Prozent gerade der Teil der Bevölkerung entlastet werden, der wesentlich zum Steueraufkommen beiträgt. Das kann nicht funktionieren. Denn wo zuvor 45 Prozent Einkommensteuer und bei Bedarf 19 Prozent MwSt. gezahlt worden sind, soll die Belastung nun bei 50 Prozent gekappt werden.
chriwi schrieb:
Das würde ich gerne belegt sehen. Denn heute schon heute arbeiten immer weniger Menschen und trotzdem steigt der gesellschaftliche Wohlstand. Bei der Betrachtung wird die Produktivitätssteigerung völlig ausgeklammert.
Man muss schauen, in welchen Bereichen der Fortschritt in der Produktivität erzielt wird. Das ist im Regelfall der hoch technisierte bzw. automatisierte Bereich bzw. die EDV. Wenn ich von Leuten spreche, die sich zuallererst Gedanken darüber machen, ob sie bei einem bedingungslosen Grundeinkommen überhaupt noch arbeiten gehen sollen, dann meine ich damit in erster Linie Teilzeitkräfte, Aushilfen, Hilfsarbeiter und andere, schlecht bezahlte Arbeitnehmer. Dazu gehören mitunter Lagerhelfer, Wachpersonal und Schlüsseldienste, Boten (Fahrrad-Kuriere), 400-Euro-Jobber beim Bäcker und im Einzelhandel, der Zimmer-Service im Hotel oder die Küchenhilfe in der Großkantine sowie mancherorts auch Briefzusteller.
Bei diesen Jobs gibt es praktisch keine Produktivitätssteigerungen. Das ist (neben dem Überangebot an Arbeitskräften) auch ein Grund dafür, warum in diesen Bereichen die Gehälter nicht steigen. Der Wachmann, der 1990 vor einer Tür stand, ist im Jahr 2005 genauso produktiv wie 15 Jahre zuvor. Mit welcher Berechtigung verlangt er eine Gehaltserhöhung? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass zwischenzeitlich die Verbraucherpreise steigen und dass er mit seinem konstanten Gehalt mit der Zeit Probleme bekommt.
chriwi schrieb:
Wenn man den angebotenen Job nicht annimmt, bekommt man keine Leistung mehr. Egal ob es Sinn macht, der Job unterbezahlt ist oder wie auch immer.
Du bist ein Individuum, das grundsätzlich für sich selbst zu sorgen hat. Du hast die Wahl zu arbeiten oder zu verhungern. Nun bemühst Du Dich um Arbeit, findest aber keine. Dann greift Dir der Sozialstaat unter die Arme, um Dir in Deiner Krise zu helfen. Zufälligerweise findet nun jemand (von der Arbeitsagentur) einen Job für Dich. Das ist etwas, was Du zuvor nicht geschafft hast. – Und nun fragen sich die Steuerzahler (bzw. die Versicherten in der AL-Versicherung: Soll der Mann weiterhin selbst für seinen Unterhalt sorgen oder sollen wir das für ihn übernehmen? Warum müssen wir für unser Geld arbeiten und er nicht? Ist es zu viel verlangt, dass er wenigstens für einen Teil seines Geldes arbeitet?
Selbst wenn das Gehalt des neuen Jobs zunächst gering ist, so spart die AL-Versicherung (und damit Deine Mitbürger) einen Teil der Unterstützung, die für Bedürftige gedacht ist. Du bist nur in dem Maße bedürftig, wie Dein selbst erzieltes Einkommen nicht ausreicht. Einen Anspruch, der darüber hinausgeht, hast Du nicht. Also hast Du den Job anzunehmen. – Alternativ kannst Du Dir ja einen besser bezahlten Job suchen oder Dich selbstständig machen.
Und für den Fall, dass es nicht genügend Jobs gibt, so kann man immer noch sagen: Vier von fünf Arbeitslosen bemühen sich um Arbeit und finden auch welche. Wenn sich der fünfte nicht bemühen will, strafen wir ihn ab. Du bekommst Dein Geld ja auch, wenn Du keinen Job finden kannst. Man streicht Dir das Geld erst, wenn Du Dich nicht länger bemühst.