- Moral als etwas Teilbares, je individuelles darzustellen, spielt genau in die Argumentation der Demagogen hier, die ja auch ihr Ressentiment immerzu damit zu legitimieren suchen, daß das 'ihre Meinung' sei. Hat halt jeder dazu seine Meinung und Moral, ob nun Steinigung von Schwulen in Uganda, Aufhängen am Kran im Iran, sind halt eigene Kulturen mit jeweils eigenen 'Moralen'.
- Der großzügige Herrenmenschengestus, daß man ja gegen einen individuellen Schwulen nichts habe - also ihn vorerst nicht nach dem Leben trachtet - aber daß es schon zu begreifen gelte, daß das Homosexualität eine 'Entartung' sei, also der Art nicht entspreche, der Norm zuwiderlaufe, ist ein Widerspruch innerhalb der Argumentation des Demagogen: Auf der einen Seite steht die relativierbare
Norm, jeder habe seine eigene und die Masse an gleichen Normen ergebe dann Gesellschaft; auf der anderen Seite steht die eigene
Art, eine Essenz, ein Wesen, etwas qua Natur Unveränderliches, dessen Naturform die Zweigeschlechtlichkeit samt Heterosexualität sei. Das sei in Stein gemeißelt, also gerade das Gegenteil von Norm. Soweit der Selbstwiderspruch in der Argumentation von Schwulenhassern.
- Wenn die Verteidiger der bürgerlichen Freiheit für Homosexuelle jetzt argumentieren, daß Menschen sich ja schon immer ihre Norm gemacht hätten, also man gar nicht sagen könne, daß Homosexualität wider die Norm sei und auf der anderen Seite argumentieren, daß es Homosexualität schon immer in der Natur und beim Menschen gab, ist es der gleiche Selbstwiderspruch wie beim Schwulenhasser - nur positiv gewendet.
- Wollte man wirklich kritisch gegen den Schwulenhass und die Homophobie argumentieren, lässt sich das also weder auf Grundlage eines Relativismus der Moral, noch auf einer Essentialisierung/Naturalisierung der Homosexualität vornehmen. Das ist nur Wasser auf den Mühlen des Schwulenhasses. Was man machen muss, ist von der Homosexualität als Diskussioinsgegenstand auf die Homohasser umzuschwenknen: Man muss sich erklären, woher der Hass auf und die Ablehnung von Homosexualität kommt, nicht woher die Homosexualität selbst kommt. Letzteres ist nämlich das Terrain der Demagogie.
---------
Btw: Ich weiß nicht, was man noch an einem Alfred Adler retten soll, der sich mit seiner Ichpsychologie von jedweder Kritik verabschiedet hat. Freud wäre dagegen hochzuhalten, der es noch vermochte zu erklären, woher die Homophobie kommen könnte: Als Reaktionsbildung auf die eigenen homoerotischen Impulse, die jedem qua Bisexualität als 'default position' in die Wiege gelegt sind. Da wären wir bei der Erklärung des Schwulenhasses, die darauf verzichten kann, die Gründe dafür bei offen lebenden Homosexuellen zu suchen, sondern bei den Bedürfnissen und der Psyche des Homophoben beginnt.
Dazu sei auch ein sehr interessanter Vortrag empfohlen, der den Zusammenhang von
Schwulenhass und Männerbund erläutert.