Ist Studentsein überhaupt (noch) Menschenwürdig?

"Meine Armut kotzt mich an", ein Dossier einer Studentin, das vom Titel und Inhalt sehr gut zum Thema dieses Threads passt:

Clubs, Shoppen, Sonntagsbrunch: Das Studentenleben kann so schön sein. Wenn das Geld reicht. Trotz zweier Jobs kann die Berliner Studentin Julia, 25, nicht mithalten. Ihr Kontostand sagt Njet - und bei Unterschichtenwitzen lacht sie nur gequält mit. Ein zorniger Zwischenruf.

Quelle und mehr: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,537872,00.html
 
@tankred

Hab den Artikel auch grad überflogen aber mehr als ein gequältes Kopfschütteln über diese ach so arme Studentin war nicht drin. Das Selbstwertgefühl über Konsum und "Freunde" zu definieren funktioniert nun einmal nur, wenn man auch die finanziellen Mittel dafür hat.

Das erste was ich mir beim Lesen dachte war: "So eine Heulsuse"!


MFG
 
Dazu wohnt sie noch in der größten Stadt Deutschlands, reist gerne für ein Praktika um die ganze Welt und ihr scheint an Klamotten gelegen zu sein, wenn sie sich mit anderen Freundinnen misst, die scheinbar eine Ausbildung machen oder deren Daddy Unterhalt zahlt.
Ich bleibe bei meiner Aussage. Man muss als Student nur jobben, wenn man sich Luxus leisten will. Und diese Dame ist nicht nur in der Lage, ihre Ausgaben zu reduzieren sondern auch einen Anwalt zu bemühen und den Vater zu schröpfen - was ihr Recht ist.
...das kostet mehr als ein Jahr Kindergeld. Das gebe ich im Übrigen immer meiner Mutter...
Tatsache, die Frau ist gutherzig und meint, ihre Mom solle in Würde leben.
...eine Woche Urlaub machen. Keine Billig-Pauschaltour, sondern vielleicht nach Skandinavien, Wellness, Sauna und so weiter...

Meine Ex-Freundin hat mich damals angemotzt, dass ich mit meinem Selbstmitleid allein fertig werden müsse. Stimmt auch. Also reiche ich, ohne mit der Wimper zu zucken, den 50 Euro-Schein gen Bar, um Mitternacht, um meine Freundin und ihre Freunde auf eine Runde Sekt einzuladen. Herzlichen Glückwunsch!
Da hat Spiegel ja einen tollen Fall rausgesucht. Exotische Kombination aus Scheidung, reichem uninteressierten Vater und Hartz4-Mutter und einer Tochter, die nicht hart genug ist, vor Gericht zu gehen und das Kindergeld für selbst einzufordern. Dazu noch Ansprüche von wegen Weltreisen, Szene-Clubs, Klamotten und Urlaub. Was soll man dazu noch sagen?
 
Ich kann mich nur wiederholen, dass mir die Tränen kommen. Es ist schon eine Schande, dass die arme Frau arbeiten muss und keiner dafür zahlt, dass Sie am WE feiern kann. Wie hält ein Mensch das nur aus. :(
Ich hab mir gerade Schindlers Liste angeguckt, das war ja noch gar nichts gegen das erschütternde Schicksal hier. :rolleyes:
 
Naja, ob die Person, die für die "arme Studentenschaft" einstehen soll, richtig gewählt ist oder nicht, das sei erstmal dahingestellt.
Fakt ist, dass Bildung in den Universitäten schon lange nicht mehr "umsonst" ist. Wer schlau sein will muss blechen. Man kann es drehen und wenden wie man möchte aber ich bin der Meinung, dass Bildung immer, überall und jedem umsonst zugänglich sein muss. Ist das nicht der Fall fangen Aspekte an eine Rolle zu spielen, die bei Bildung genausowenig eine Rolle spielen dürften wie beim Bereich Gesundheitswesen.
Die Fragen wer das bezahlen soll etc. interessieren mich ü-ber-haupt nicht. Mit Bildung und Gesundheit steht und fällt eine Gesellschaftsordnung un deshalb haben diese Bereiche vollkommen unabhängig zu sein von jedem Privatportemonnaie. (Womit ich nicht so verstanden werden möchte als dass ich fordern würde, dass Studenten locker mal 10€ pro Drink ausgeben können sollten. Ist natürlich völliger Quatsch.)
 
Zuletzt bearbeitet:
Ach, ihr seid doch noch alle gut dran. Ich als Promotionsstudent bin völlig am Arsch, trotz 1,1 Abschluss gibt es keinerlei Stellen an der Uni, die sich eh einen Dreck um ihre Absolventen kümmert, keine Förderung (zu alt), Bafög gibts auch nicht mehr, auch keine Elternunterstützung. HarzIV geht auch nicht, da ich nicht als arbeitssuchend gelte. Bleiben also Halbtagsjobs, und die gibt es hier nunmal überhaupt nicht (Meckpom), es sei denn, man will für Erotiklines arbeiten oder strippen.

Ich lebe seit 4 Monaten von 0,00€ im Monat, bin bald völlig pleite und werde wohl Dr. Phil Penner werden. Die Gesellschaft braucht halt keine hochgebildeten, selbst denkenden Menschen, sondern willige Befehlsempfänger, die werden dann auch bezahlt.
 
Dafür, dass du seit 4 Monaten von 0,00€ lebst, hast allerdings ein ganz schon fetten PC, von dem aus du uns dein Leid berichtetest ;)

@ topic: ICh denke nicht, bzw. kann mir kaum vorstellen, dass das Studentsein "menschenunwürdig" sein sollte. Zunächst mal finde ich ist die Begrifflichkeit "menschenunwürdig" in diesem Zusammenhang etwas übertrieben. Ich will ja nicht bestreiten, dass es finanziell gesehen nicht immer einfach ist, zu studieren.

Aber wenn ich mir die aktuellen Stundentenheim-Wohnpreise hier in Aachen sowie die aktuellen BaFög-Sätze so anschaue, sollte es wohl möglich sein, damit über die Runden zu kommmen, ohne hungern zu müssen. Das Studenten nicht im Überfluss leben, ist ja wohl nichts neues. Aber solange man nicht den Anspruch hat, jedes WE in irgend einer Disco die Nächte rumzubringen, ist es wohl kein Ding der Unmöglichkeit...
 
Zuletzt bearbeitet:
dahum schrieb:
Bleiben also Halbtagsjobs, und die gibt es hier nunmal überhaupt nicht (Meckpom), es sei denn, man will für Erotiklines arbeiten oder strippen.
Blödsinn, man darf sich nur nicht zu fein sein zum arbeiten, außerdem darf man natürlich auch nicht 15 Euro pro Stunde erwarten. Schon mal in der Grbäudereinigung versucht? Tariflohn in MeckPom liegt bei 6,58€ pro Stunde, Gebäudereinigungsunternehmen gibt es wie Sand am Meer...
Allerdings wird es dann schwierig, noch nachts um halb drei im Internet zu surfen, wenn man um 05:00 Uhr zur Arbeit erscheinen muß...
 
Naja, das Problem von Dahum kenne ich selber.
Man hat zwei Möglichkeiten: Entweder man arbeitet nicht, nimmt vielleicht einen Kredit auf und ist, weil man mehr Zeit fürs Studium hatte, eher fertig. Dafür ist man dann aber gut verschuldet, was einen tollen Start ins Berufsleben überhaupt bedeutet.
Die Alternative ist nebenher zu jobben. Das bedeutet dann aber, dass für das Studium weniger Zeit bleibt oder eben dieses sich in dei Länge zieht. Das wiederum kann einem Anschlußmöglichkeiten verbauen oder die Noten runterziehen.
Ergo: Wie man es macht, macht man es falsch...und da stimmt doch einfach irgendwas nicht.
 
wen seine arbeit ankotzt, der muss eben arbeiten. auch als student. arbeit ist ansonsten ja überhaupt gut gegen viellerlei qualen. der selbstentfremdung durch nichtstun z.b.. (oder gequält zuschauen zu müssen, wie andere arbeiten. und wie die leiden die anderen an der arbeit, schwitzend z.b.. oder unter schmutzigen händen. oder üblen gerüchen. wenn pflegefällen die windeln gewechselt werden. (zum glück ist ja der edle kommunist nie pflegefall ... . und außerdem gibt es ja immer und überall genügend leute, für die ist windelwechsel beim erwachsenen nicht etwa selbstentfremdung sondern gespürtes glück und vollkommene und gerne gesuchte selbstenfaltung...!)).


und wenn ich nur hinschaue, was geschrieben steht, willens, fähig und bereit bin (werde!), vielfalt aka pluralität im jetzt zu entdecken, dann finde ich die auch. denn sie ist da. (der freiheit sei's gedankt!)

hier schreibt die FAZ in einer Buchbesprechung:


" ... Die Lebenslüge des Kapitalismus

An diese Einsicht haben sich die medialen Erben der klassischen Ästhetik bis heute gehalten. Sowie es Lust zu erzeugen gilt, und das ist der Zweck des kommerziellen Spektakels, wird das groteske Eigenleben des Körpers unter Verschluss gehalten. Alles, was als Pornographisierung des öffentlichen Raums diskutiert wird und was Charlotte Roche mit dem C&A-Pin-up herbeizitiert, fällt unter den klassischen Kanon. Die meist weibliche Blöße, mit der uns der Werbemarkt bombardiert, entspricht dem, was Brad Easton Ellis in „American Psycho“ als „hardbody“ bezeichnet und was Bachtin die „massive und taube Fassade“ des Körpers nennt: „Alles, was herausragt und absteht, alle scharf ausgeprägten Extremitäten, Auswüchse und Knospungen, wird entfernt, weggelassen, zugedeckt.“

Von Bachtins Mittelalter aus müssen die makellosen Ikonen, mit denen die Konsumwelt das Bewusstsein flutet, als postreligiöse Versicherung gegen den grotesken Leib verstanden werden. Trotzdem wird die schöne, der Zeit trotzende Nacktheit seit den Sechzigern mit Wahrheit, Natur und Aufklärung gleichgesetzt. Dabei ist sie die Lebenslüge eines Kapitalismus, der die klassische Gestalt des Menschen längst in ihre zahllosen, vermarktbaren Teile zerlegt hat und aus der Genomanalyse eine Aktiengesellschaft macht: nur weil der Konsument seine beschämende Unvollkommenheit durch stets neue Warenfetische zu kaschieren sucht, kann das biotechnologische Zeitalter zur Hochform auflaufen. ... "

dem ist wohl nichts hinzuzufügen. ganz simpel und einfach die wahrheit hingeschrieben.


aber: leben heisst nun mal "mit anderen leben", also mitmachen. und fehler sehen. und sich abgrenzen. und kompromisse schließen. und da bin ich weiter zuerst prominent selber aufgerufen, die balance zu halten. leben ist vor allem eines: neue erfahrung. und da ist es ganz gut, wenn ich ggfls. mal entdecken darf, dass ich student-sein auf einmal (und warum?) als nicht (mehr) menschenwürdig empfinde.


der mensch machts, nicht die systeme.


und die größte lüge und der größte selbstbetrug liegen darin, zwischen selbstentfremdung und dem gegenteil davon (angeblich) unterscheiden zu können - oder zu meinen, die unterscheidung wäre feststehend. wird aber in jedem moment neu empfunden. ist gefühl, nicht wahrheit. (und jeden tag, ja oft jeden moment neue gefühlte wahrheit).


p.


http://www.faz.net/s/Rub1DA1FB848C1...518A9F7391F1DAB131~ATpl~Ecommon~Scontent.html

.
 
Zuletzt bearbeitet:
@3tho

Es ist garnicht so unüblich sein Studium in der Regelstudienzeit, mit gutem Ergebnis und Nebenjob hinter sich zu bringen. Natürlich haben es Nichtjobber einfacher aber die machen auch nur einen kleinen Teil aus.

Menschenunwürdig ist das Studentenleben mit Sicherheit nicht. Das bestehende Studiengebührensystem halte ich allerdings auch für unausgereift.

MFG
 
Blödsinn, man darf sich nur nicht zu fein sein zum arbeiten, außerdem darf man natürlich auch nicht 15 Euro pro Stunde erwarten. Schon mal in der Grbäudereinigung versucht? Tariflohn in MeckPom liegt bei 6,58€ pro Stunde, Gebäudereinigungsunternehmen gibt es wie Sand am Meer...
Allerdings wird es dann schwierig, noch nachts um halb drei im Internet zu surfen, wenn man um 05:00 Uhr zur Arbeit erscheinen muß...

Natürlich bin ich mir zu fein für manche Arbeiten, denn es geht eben um Menschenwürde. Ich habe nicht 20 Jahre in meine Ausbildung investiert, um mich dann für einen Hungerlohn öffentlich zu demütigen. Im übrigen, rechne mal bitte aus, wieviel man arbeiten müsste, um bei 6,58 über die Runden zu kommen. Ich bezahle für Miete und Nebenkosten schon 200, Krankenkasse 145, da muss ich schon Vollzeitputzen, um auch noch was zu essen zu haben, von Kleidung etc. mal ganz abgesehen. Ich habe mir seit Studiumsbeginn keinerlei neue Kleidung mehr leisten können, und auch meinen PC und alle restlichen Güter besitze ich nur aufgrund großzügiger Geschenke meiner Familie.

Schließlich habe ich auch schon mal ein Jahr arbeiten müssen, ab 5 Uhr morgens, Müllentsorgung und ähnlich leckere Aufgaben. Selbst wenn man dann mittags zu Hause ist, ist man völlig übermüdet und körperlich und vor allem geistig so fertig, dass man alles mögliche machen kann, nur nicht geistig hochanspruchsvolle und kreative Aufgaben.
Das Gehirn ist nunmal keine Maschine, die man anschmeißen kann wann man will. Ich brauche Stunden, um mich überhaupt in die Problematik hineinzuversetzen und das Gehirn in die richtige Stimmung zu bringen, um zu denken. Nach einem Arbeitstag starrt man dagegen stundenlang auf einen Satz und begreift überhaupt nichts.

Daher versuche ich natürlich, einen Job zu finden, der nicht völlig meine Hauptaufgabe, die Promotion, torpediert. Putzen bei Lidl gehört nicht dazu.
 
dahum schrieb:
Natürlich bin ich mir zu fein für manche Arbeiten, denn es geht eben um Menschenwürde. Ich habe nicht 20 Jahre in meine Ausbildung investiert, um mich dann für einen Hungerlohn öffentlich zu demütigen.

Ach daher weht der Wind: Wir sind uns zu fein, schließlich haben wir schon 20 Jahre in unsere Bildung "investiert". Mal ganz ehrlich: Investiert hast nicht Du, sondern Deine Eltern und der Staat (und zwar mit unseren Steuergeldern). Es ist doch normal, daß irgendwann kein Geld mehr fließen kann, sonst ließe es sich leicht studieren bis man 40 oder älter ist, und immer fleißig auf Kosten anderer. Irgendwann ist es nun mal auch an Dir, die empfangene Investition zurückzugeben, damit auch andere in den Genuß kommen. Du kannst nicht immer nur Leistungen fordern, Du mußt auch mal selbst Leistungen bringen. Und wenn Du es nicht innerhalb der Regelstudienzeit schaffst ein Studium zu beenden, dann greif ruhig mal zum Wischmop. Auch wenn Du es anders siehst: Körperliche Arbeit schändet nicht, sie macht aber reifer. Andere schaffen es auch...
 
@dahum
Dann hast du dir den falschen Job gesucht. Es gibt ein paar hunderttausend andere Studenten in Deutschland, die es trotz ähnlicher Bedingungen wie du ihren Abschluss schaffen.

Meine Cousine ist zB so ein Fall. Sie studiert in Dresden, eine im Vergleich zum Umland teure Stadt. Dennoch schafft sie es zusammen mit einer Freundin eine Wohnung zu mieten und über die Runden zu kommen. Der Vater ist abgehauen und die Mutter bekommt Hartz4, weil sie Arbeitssituation dort sehr schlecht ist.

Du solltest mal erwachsen werden. Du bist schließlich kein Kind mehr, dass alles in den Arsch geblasen bekommt. Die Zeiten sind vorbei. Gerade in MeckPom (hier wohne ich seit 22 Jahren) müsste man das eigentlich spätestens mit 16 bemerken, dass das Leben nicht so rosig ist, dass man jedes WE eine Sause machen kann. Du kannst dich eigentlich noch glücklich schätzen: MV ist noch ein recht billiges Land. Selbst Rostock (da studierst du wahrscheinlich) ist noch recht erträglich. Geh mal nach Hamburg, da würdest du Augen machen.
 
@wiesel

Beschäftige Dich lieber einmal mit Ungleichheitstheorien (z.B. der Humankapitaltheorie), bevor Du hier so einen Unsinn erzählst. Der Staat hat keinen Pfennig in meine Bildung investiert (und komm' jetzt nicht mit Professorengehalt etc., ich habe mir alles zu Hause selbst erarbeitet, das Lehrangebot war immer miserabel), ich hingegen tausende von Euro in Semestertickets, die ich nicht brauche, in Lehrmaterialien, die mir niemand gestellt hat, und vor allem habe ich eine gewaltige Menge an Lebenszeit investiert, die ich etwa bei der Rentenberechnung verliere. Eine Gesellschaft muss, wenn sie gerecht sein will, eine solche Leistung höher entlohnen, was der Grund dafür ist, dass Menschen mit höherer Ausbildung im späteren Beruf normalerweise mehr Geld als einfache Arbeiter bekommen, damit sie die verlorene Lebenzeitinvestition wieder ausgleichen können.

Aber nicht nur, dass diese Leistungsgerechtigkeit nicht mehr stimmt, und man immer mehr in seine Ausbildung investieren muss, und trotzdem immer schwerer einen immer schlechter bezahlteren Job findet, der Verlust an Lebenszeit ist monetär gar nicht ausgleichbar, beipielsweise bei der Familienplanung. Es gibt genügend Untersuchungen, dass z.B. gebildete Frauen sich immer später ein Kind leisten können, und es Ihnen gar nichts nützt, wenn sie erst mit 40 ihr erstes, vernünftiges Gehalt bekommen, weil dann der biologische Zug abgefahren ist.

Das Problem ist wohl kaum, dass die Studenten keine Leistung erbringen oder zurückgeben wollen, sondern dass immer mehr unendgeldliche Leistung gefordert wird (Studium, Praktika, Doktortitel, Professortitel), und gleichzeitig die Hürden für deren Erreichung immer höher werden. In meinem Interessenbereich werden überhaupt keine Jobs unter einem Doktortitel angeboten (natürlich am besten mit jahrelangen Auslandserfahrungen), aber wie soll ich mir den Weg dahin finanzieren? Soll ich putzen, bis ich 50 bin?

Ich kenne viele Studenten, die wortwörtlich gehungert haben, weil sie neben dem Studium nicht genug Zeit zum Arbeiten hatten, oder die ihr Studium deshalb abgebrochen haben, oder, dank der neoliberalen Einführung der begrenzten Bachelor/Maserstudiengänge gleich rausgeworfen wurden, von meinem Jahrgang haben es kaum ein Dutzend in die Endprüfung geschafft. Ich selbst wurde fast exmatrikuliert, obwohl ich einer der besten Studenten war, weil ich Geld verdienen musste und deshalb die Regelstudienzeit überschritten hatte: und womit? Ich habe alleine Pflichtlehrveranstaltungen für Studenten gegeben, für 6€ die Stunde, weil die Uni zwei volle Stellen gestrichen hatte, die sonst diese Veranstaltung gegeben haben. Hätte ich diesen Kurs nicht gegeben, hätten ein paar Dutzend Studenten entweder im Treppenhaus bei völlig überfüllten Alternativkursen sitzen müssen, oder ihre Regelstudienzeit nicht einhalten können. Die fertigen Magister, die diesen Job gerne hätten, werden hingegen nicht eingestellt, um Geld zu sparen. Das ist Ausbeutung, wie sie zynischer nicht sein könnte.


Natürlich gibt es immer Menschen, die trotzdem alles unter einen Hut kriegen, aber das ist wohl kaum ein Argument, schließlich haben auch genug Menschen die Klassengesellschaft im 19. Jh. überlebt, ohne dass man diese Zeit deshalb tollfinden muss.
Es geht hier um eine gesellschaftliche Tendenz, die absolut kritikwürdig ist, und die immer mehr Menschen ins Abseits stellt und deshalb menschenunwürdig ist, weil sie Menschen dazu zwingt, Dinge zu tun, die nicht ihren Interessen und Vermögen entsprechen. Es geht also um das Ende der Leistungsgesellschaft und das Aufkommen einer neuen Art von Klassengesellschaft, in der nicht mehr Leistung, sondern Vitamin B, Abstammung und monetäre Verhältnisse darüber entscheiden, wer sich als Mensch verwirklichen darf und wer nicht.
 
dahum schrieb:
Der Staat hat keinen Pfennig in meine Bildung investiert (und komm' jetzt nicht mit Professorengehalt etc., ich habe mir alles zu Hause selbst erarbeitet, das Lehrangebot war immer miserabel)
Doch, gerade damit komme ich Dir. Es war Deine eigene Entscheidung, offensichtlich Lehrveranstaltungen fernzubleiben, weil sie Dir warum auch immer nicht zusagten. Dennoch finanziere auch ich mit meinen Steuergeldern Dein Studium. Der Staat bietet Dir Leistungen an, die Du eben nicht nutzen willst. Das kostet nun mal Geld. Aber würde er sie Dir nicht anbieten, würdest Du Dich auch aufregen...


dahum schrieb:
Ich selbst wurde fast exmatrikuliert, obwohl ich einer der besten Studenten war, weil ich Geld verdienen musste und deshalb die Regelstudienzeit überschritten hatte

Aus dem gleichen Grund dauerte mein Studium 14 und nicht nur 8 Semester. Aber ich habe nicht gejammert, sondern die Arschbacken zusammengekniffen und bin da durch...
 
Ich weiß nicht, ob man die Promotion überhaupt noch zum Studium zählen kann. Sie ist für die meisten Leute eine freiwillige Sache, und angehende Studenten, die Chemie oder Medizin studieren, wissen das sie nach den fünf Jahren auf den Campus noch ein paar Jahre in die Doktorarbeit stecken müssen.
Insofern finde ich es nicht richtig, sich hier mit einem Student oder Arbeitslosen zu vergleichen, weil die Ausgangslange schon vorher klar war.
Darüberhinaus bist du ja auch im Bundesland mit der höchsten Arbeitslosenquote Deutschlands und hast erfolgreich Philosophie hinter dir. Ich geb zwar nicht viel auf Vorurteile, aber viele werden sich sicher fragen, wie man mit Philosophie seine Brötchen verdient. Solche Sonderfälle haben eigentlich nichts mit dem Studium an sich zu tun.
 
dahum schrieb:
Der Staat hat keinen Pfennig in meine Bildung investiert (und komm' jetzt nicht mit Professorengehalt etc., ich habe mir alles zu Hause selbst erarbeitet, das Lehrangebot war immer miserabel),

Aha, und die Prüfungen hast Du dann also über Themen gemacht, die Du Dir selbst erarbeitet hast? Und die Prüfungen selbst hast Du Dir auch selbst abgenommen? Und Referate musstest Du nie halten? Keine Hausarbeiten geschrieben? Und auch keine Abschlussarbeit? Das ist doch Unsinn! Das Lehrangebot orientiert sich an der Prüfungsordnung und die Prüfungsleistungen werden von den Dozenten abgenommen. Da kannst Du zuhause lernen solange Du willst, irgendwann muss jeder Student an die Uni und sich darüber prüfen lassen, was das Lehrangebot hergegeben hat. Und das alles wird Dir von einer Universität zur Verfügung gestellt, die "der Staat" finanziert. Dass dieser also keinen Pfennig in Deine Bildung investiert hat, kann also nur stimmen, wenn Du gar nicht studiert hast.

dahum schrieb:
ich hingegen tausende von Euro in Semestertickets, die ich nicht brauche, in Lehrmaterialien, die mir niemand gestellt hat, und vor allem habe ich eine gewaltige Menge an Lebenszeit investiert, die ich etwa bei der Rentenberechnung verliere.

An welcher Uni hast Du denn studiert? Normalerweise kostet das Semesterticket entweder verdammt wenig oder man kann es optional erwerben.

Für gewöhnlich gibt es Büchereien, Uni-Bibliotheken (inklusive Instituts-Bibs), Landesbibliotheken usw., in denen man Lernmaterialien aka Bücher ausleihen kann. Und wenn die gewünschten Bücher vor Ort nicht verfügbar sind, dann kann man sich in der Fernleihe Bücher aus dem Bibliothekenverbund schicken lassen.

Und was die Rente anbetrifft, so kann man entweder die Beiträge freiwillig abdrücken oder wie Du arbeiten, dann hast Du übrigens als sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer sicher auch Rentenbeiträge abgeführt. ;)

dahum schrieb:
Eine Gesellschaft muss, ...

Eine Gesellschaft muss erstmal gar nichts. Um Deine Ausführungen zu subsumieren: jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Wenn jemand studieren will, so sollte er sich vorher darüber informieren, was die Studieninhalte sind, welchen Abschluss man erreichen kann, wie lange das Ganze dauert und wie die Jobaussichten sind.

Mit dem 12-jährigen Schulweg sind die Studentinnen 18 oder 19, wenn sie ihren Bachelor beginnen. Nach zirka sechs bis sieben Semestern, also nach drei Jahren haben sie dann ihren Abschluss. Da ist alles andere als die biologische Uhr abgefahren. Und selbst wenn sie dann weiter im akademischen Bereich bleiben wollen, so müssen sie immer nebenher arbeiten, entweder an der Uni selbst oder nach dem Master in der freien Wirtschaft. Und da ist es die persönliche Entscheidung, ob man Kind, Karriere oder beides haben will. Und dass die Entscheidung für oder gegen ein Kind eine persönliche ist, haben die Studien zu diesem Thema auch so erkannt.

dahum schrieb:
Ich kenne viele Studenten, die wortwörtlich gehungert haben, weil sie neben dem Studium nicht genug Zeit zum Arbeiten hatten, oder die ihr Studium deshalb abgebrochen haben, oder, dank der neoliberalen Einführung der begrenzten Bachelor/Maserstudiengänge gleich rausgeworfen wurden, von meinem Jahrgang haben es kaum ein Dutzend in die Endprüfung geschafft.

Angenommen, man fängt an auf Diplom oder Magister zu studieren. Dann wird man keineswegs von einem neu eingeführten Bachelor- oder Masterstudiengang tangiert. Wieso sollte man da also rausfliegen?

Und dass es Studienabbrecher gibt und es nicht alle ins bzw. durchs Examen schaffen, ist auch kein Wunder. Das Studium ist ja keine "ich geh hin, dann bekomme ich automatisch einen akademischen Grad"-Veranstaltung. Man muss dafür auch hart arbeiten und vor allem einen Bezug und eine Leidenschaft für die zu behandelnden Themen haben. Eigenschaften, die in Examensprüfungen oftmals angezweifelt werden müssen. Vor allem bei Kandidaten, die man nach vielen Semestern des Studiums bei der Examensprüfung zum ersten Mal sieht.

dahum schrieb:
Ich selbst wurde fast exmatrikuliert, obwohl ich einer der besten Studenten war, weil ich Geld verdienen musste und deshalb die Regelstudienzeit überschritten hatte: und womit?

Keine Ahnung. Das Hochschulrahmengesetz erlaubt eigentlich keine Exmatrikulation aufgrund von Studienlängen. Deshalb wurden ja auch zwischenzeitlich vielerorts Langzeitstudiengebühren eingeführt. Ich kann mir nur vorstellen, dass Du Prüfungsleistungen nicht erbracht hast und deshalb exmatrikuliert werden solltest.

dahum schrieb:
Ich habe alleine Pflichtlehrveranstaltungen für Studenten gegeben, für 6€ die Stunde, weil die Uni zwei volle Stellen gestrichen hatte, die sonst diese Veranstaltung gegeben haben. Hätte ich diesen Kurs nicht gegeben, hätten ein paar Dutzend Studenten entweder im Treppenhaus bei völlig überfüllten Alternativkursen sitzen müssen, oder ihre Regelstudienzeit nicht einhalten können. Die fertigen Magister, die diesen Job gerne hätten, werden hingegen nicht eingestellt, um Geld zu sparen. Das ist Ausbeutung, wie sie zynischer nicht sein könnte.

Das halte ich allerdings für eine haltlose Behauptung. Welche Uni, welcher Lehrstuhl und welche Veranstaltungen waren das genau? Du warst ja gar nicht prüfungsberechtigt, insofern dürften die von Dir erstellten Scheine ungültig und die Prüfungsleistungen durch die Studierenden nicht erbracht worden sein. Das Prüfungsamt dürfte solche Leistungen mangels Prüfungsberechtigung Deiner Person aber auch abgewiesen haben.

dahum schrieb:
Es geht hier um eine gesellschaftliche Tendenz ... die immer mehr Menschen ins Abseits stellt und deshalb menschenunwürdig ist, weil sie Menschen dazu zwingt, Dinge zu tun, die nicht ihren Interessen und Vermögen entsprechen.

Wie zum Beispiel Studieren? Äh, verstehe ich nicht. Wenn jemand kein Interesse und keine Fähigkeiten zum Studieren hat, dann sollte derjenige einfach nicht studieren. Wo liegt das Problem? Es muss ja nicht jeder studiert haben, nur weil es Leute gibt, die das tun.

Odium schrieb:
Ich weiß nicht, ob man die Promotion überhaupt noch zum Studium zählen kann. Sie ist für die meisten Leute eine freiwillige Sache, ...
Insofern finde ich es nicht richtig, sich hier mit einem Student oder Arbeitslosen zu vergleichen, weil die Ausgangslange schon vorher klar war.

Da kann ich Dir nur zustimmen und das entspricht genau meiner Empfehlung für Schüler, die überlegen zu studieren. Aber eigentlich finde ich es ja schon irre, dass man hier Empfehlungen aussprechen muss. Sich vorher zu informieren, was man nachher machen wird, ist doch eine Grundvoraussetzung für das menschliche Dasein. Wozu hat denn der Mensch sonst seine ach so gepriesene Intelligenz?
 
Ach Tankred, hast du eine Ahnung ^^
Mehr als die Hälfte der Mitstudenten im 6. Semester weiß nicht, wieviel sie ungefähr später bekommen werden. Dann gibts andere, die sind felsenfest davon überzeugt, alles in 10 Semestern schaffen zu müssen, weil der Arbeitsmarkt sie sonst nicht mehr will.
Wenn ich auf der Uni eines gelernt hab, dass Vorbereitung und 'erst denken, dann handeln' exotischer ist, als man glauben mag. :-/
 
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