Lipovitan schrieb:
Die Welt hat sich in den letzten 40 Jahren sehr verändert. Der Begriff "Leistung" hat im Leben vieler Menschen einen zentralen Platz eingenommen.
Obgleich dies stimmt, hat der Leistungsbegriff mittlerweile aber erheblich an Präzision eingebüßt, denn heute wird immer häufiger von Beschäftigung statt Leistung gesprochen. Es ist für viele Politiker und auch nicht gerade kleine Teile der Bevölkerung nicht mehr wichtig, dass ein konkreter Mehrwert geschaffen wird, sondern eher, dass jeder einer Beschäftigung nachgeht bzw. nachgehen kann.
Das sieht man gerade z.B. bei Automation, wo Leistung gesteigert wird. Gehen aber Arbeitsplätze dabei verloren, was eben einzig die Beschäftigung gefährdert, nicht aber das Leistungsprinzip, wird das vielfach sehr negativ aufgenommen.
Diesbezüglich gibt es einen sehr guten
Beitrag von Prof. Dr. Liebermann, in dem er im Kontext des BGE auf solche und änhliche Veränderungen eingeht.
Kausu schrieb:
Da wird auch die KI nichts daran ändern. Glaubst du, dass in naher Zukunft automatische Müllfahrzeuge, Fensterreiniger, Köche, Beamte rumlaufen.
Langfristig auf jeden Fall.
Gerade der Staatsapperat ist vielfach nicht viel mehr, als eine große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, um die Beschäftigungszahlen hoch zu halten.
Tomislav2007 schrieb:
Dieses Argument kann ich nicht gelten lassen, Arbeitslose haben Zeit zum kochen und bei ALDI gibt es auch günstige nahrhafte Lebensmittel, wenn man mal neben die teuren Fertigprodukte schaut.
Es ging nicht um die Nahrhaftigkeit günstiger Lebensmittel generell, sondern darum, dass bei steigenden Einkommen statistisch häufiger zu Luxusprodukten gegriffen wird. D.h. es wird dann z.B. auch mal der frische Parmesan von der REWE-Käsetheke zu den Nudeln gewählt, statt der abgepackten Replik bei Aldi.
Tomislav2007 schrieb:
Vor allem der Unsinn das sich Römer damit geadelt haben nicht arbeiten zu müssen, wieso wurde denn das römische Heer so schnell so groß ? Weil die mit Geld und Verpflegung geködert haben.
Ich sprach von
geadelt, lies & interpretiere dort bitte genau: es ging um das erstrebenswerte Ideal, nicht darum was die Masse macht. Das Ideal heißt heute (Voll)Beschäftigung, weil es primär um Beschäftigung und nicht mehr um Leistung geht. Damals hingegen adelten sich vor allem die Politiker, Patrizier, ... damit,
nicht zu arbeiten bzw. geregelter Arbeit nachgehen zu
müssen.
Die Arbeit, besonders auch die große Heereszahl, war dem Plebejer vorbehalten.
Tomislav2007 schrieb:
Du hast Recht, wir hatten schon drei industrielle Revolutionen und bei jeder sind Berufsfelder weggefallen und neue entstanden, es sind sogar immer mehr neue entstanden als alte weggefallen.
Das ist nichts weiter als eine Korrelation, deren Kausalzusammenhang minutiös untersucht werden muss, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt, ob da überhaupt einer besteht, denn eine Korrelation impliziert keine Kausalität. Ein sehr häufig gemachter Fehlschluss.
Man muss diese Thematik sicher nicht erneut breit und lang diskutieren, dass hat
@DerOlf und viele andere schon auf den Seiten <200 und ich danach.
Kurz angemerkt sei aber folgendes: belastbare Studien gehen von einem sehr großen Wegfall von Arbeitsplätzen aus, wahrscheinlich ähnlich disruptiv wie bei der 1. industriellen Revolution.
Dies war bisher kein Problem, denn im primären (Landwirtschaft), sekundären (Industrie) und tertiären (Dienstleistung) Sektor
können sehr große Teile der Bevölkerung in Beschäftigung gebracht werden.
Die 1. industrielle Revolution hat die Massenjobs vom primären in den sekundären Sektor verschoben. Die Zweite hat die Industrie zu dem Arbeitgeber schlechthin gemacht und den dritten Sektor beginnen lassen. Die Dritte hat den primären und sekundären Sektor dann endgültig getilgt und heute arbeitet die Masse nur noch im tertiären Bereich.
Jede Studie, die überhaupt versucht zu approximieren was neu entsteht, geht davon aus das nur ein kleiner Teil im tertiären Bereich entsteht und ansonsten -
wie bereits zuvor - sich das ganze erneut verschiebt: diesmal in den quartären Sektor (hochspezialisierte Berufe).
Im quartären Sektor aber kann die Masse per Definition nicht arbeiten und besonders der mittelfristige Weg wird dort hart, denn einen Busfahrer beispielsweise kann man erst recht nicht in den quartären Sektor umschulen.
Wie stark dieser Effekt wird, dazu gibt es in jeder Studie aufgestellte Wahrscheinlichkeiten und darüber zu spekulieren ist selbstredend müßig.
Auf jeden Fall lässt sich sagen: langfristig wird das vermeintliche Ideal (Voll)Beschäftigung noch unerreichbarer werden, als es das heute schon ist.
Das führt dann unweigerlich zu der Frage, wie man mit dieser Situation umgeht. Heutzutage verbannen wir wirtschaftlich obsolete Menschen in Hartz IV und das geht nur, weil das noch "wenig" genug sind. Bei über 10% Arbeitslosigkeit hatten wir in Europa schon Aufstände in der Vergangenheit.
Selbst aber wenn jede noch so optimistische Einschätzung zutrifft, d.h. die Arbeitslosenzahl nimmt ab weil doch unerwarteterweise genug Alternativen im tertiären Sektor entstehen, wird man überlegen müssen, wie man den gestiegenen Wohlstand verteilt.
Und darüber möchte zumindest ich viel lieber diskutieren.
Denn auch unter einer solchen höchst optimistischen Prämisse, wird Hartz IV in seiner heutigen Form imho nicht weiter existieren können, denn durch den gestiegenen Wohlstand würde mindestens dieser Bevölkerungsteil noch stärker ghettoisiert, als das heute schon der Fall ist.
Diese Bürger werden bei so einer Entwicklung ja mehr und mehr zum Bürger zweiter Klasse - immer weiter abgehängt.
Tomislav2007 schrieb:
Nein, ich meinte unseren Studenten @ascer der als Student der KI&Robotik im Studium heiß gemacht wird auf das Thema.
Das ist eine unhaltbare Behauptung deinerseits. Gingen wir davon aus, ich würde "blind" dem Trend hinterherlaufen, dann würde ich mir alle diese Fragen ja gerade
nicht stellen, sondern schlicht dem Hype verfallen und "schneller, weiter, mehr" fordern.
Besonders wenn ich eine egoistische Grundhaltung hätte, wie du das von dir behauptet hast, sähe ich da doch gar keine Probleme. Google & Co. versprechen einem eine Utopie nach der nächsten und schon heute können dort Menschen wie ich mit sechsstelligem Gehalt anfangen.
Und selbst in Deutschland, selbst außerhalb der ganz großen Unternehmen, kenne ich persönlich nicht einen Menschen, der unterhalb von 50k eingestiegen ist. Irgendwas im Bereich 60-80k Einstiegsgehalt zeigen die Statistiken unserer Alumni im Schnitt.
Als ich noch im Studentenwohnheim wohnte, mussten meine Mitbewohner, BWL & Erziehungsziehungswissenschaften, Kellnern respektive Hostess bei Veranstaltungen machen. Für den Mindestlohn.
Ich hab schon im Bachelorstudium eine GeForce 1080 for free bekommen und größtenteils von zu Hause aus gearbeitet. Wann ich wollte. Und noch nie für unter 25 Eur/Std.
Jetzt im Master unterrichte ich nur noch an der Uni, wissenschaftliche Projekte, oder wirke an Forschungsarbeit mit. Da habe ich für ~5h pro Woche 420 Eur im Monat. Und die Bachelorstudenten, die ich unterrichte, machen auch noch wissenschaftliche Arbeit aus meinem Forschungsbereich, d.h. einfachere Tätigkeiten, die für meine Forschung ohnehin anfallen würden - nehmen mir also quasi Arbeit ab, dadurch das ich sie unterrichte.
Auf XING, LinkedIn habe ich jeden Monat mehrere Anfragen. Ich habe überhaupt, seitdem ich studiere und mich in den Bereich ordentlich reinhänge, noch nicht einmal selbst meine Nebenjobs gesucht. Sowohl an der Uni als auch in der freien Wirtschaft kamen die Angebote zu mir.
Und selbst wenn ich nur forsche fällt da mitunter etwas ab. Mit einer meiner Publikationen habe ich beispielsweise auf einem internationalen Symposium mal einen Preis gewonnen, der mit 1000 Eur dotiert war.
Ein Bekannter von mir, welcher Philosophie studiert und bei ähnlich großen/renommierten, internationalen Wissenschaftsveranstaltungen publiziert, hat für einen Preis dort "nur" eine Urkunde bekommen.
Also
wenn ich das alles nur von der glänzenden Seite aus sehen würde, dann würde ich doch gerade
nicht so viele gesellschaftliche Fragen stellen, wie ich das tue, sondern einfach nach dem "höher, schneller, weiter"-Prinzip weitermachen und mich ins gemachte Nest setzen.
Und das nur, weil mein Interesse sich zufälligerweise mit einem sehr zukunftsträchtigen Bereich überschneidet.
Die Beiträge meines Philosophie-Bekannten beispielsweise sind meiner Meinung nach nicht weniger beachtenswert, trotzdem hat der deutlich schlechtere Zukunftsaussichten.
Obgleich ich persönliche Geschichten i.d.R. nicht erzähle und auch für unwichtig / irrelevant in einem Diskurs halte, eröffnet das nun hoffentlich mal endgültig meine Motivation bei meiner Herangehensweise an die Thematik.
Oder in anderen Worten: wir müssen jetzt hoffentlich nicht zum 10ten Mal meine persönliche Intention besprechen.
@DerOlf mag man Eigennutz vorwerfen können (wobei ich das auch für moralisch fragwürdig halte; die persönliche Intention kennt man ja nicht), aber ich gehöre zu den Menschen, die vom BGE keinen nennenswerten Vorteil hätten und ich glorifiziere auch nicht KI & Robotik in diesem Zusammenhang.